“Les Lieux de Mémoire” = “Orte der Erinnerung”

Das Seminar “Archiv, Speicher, Gedächtnis” hat deswegen meine Interesse erregt, weil ich in zwei Projekte des Dramaturgen Mats Staub involviert war, die sich in gewisser Weise mit einem ähnlichem Thema beschäftigen.

Das erste - “5000 Liebesbriefe” entstand 2004 in Zürich und wurde innerhalb von drei Jahren in drei Versionen (schweizerische, russische und österreichische) präsentiert:

“Im Projekt «5000 Liebesbriefe» werden Briefe von Liebenden aus über hundert Jahren und jedem Lebensalter hörbar – vom 11-jährigen Burschen bis zur 81-jährigen Dame, vom Heiratsantrag 1894 bis zur E-Mail 2006. Die Briefe sind im Tonstudio eingelesen worden und stehen an einer Bartheke auf 50 verschiedenen Kassetten zur Wahl. Die Besucher können sich dort beraten lassen und danach zu einem passenden Getränk ihre gewählten Briefe hören – sei es «Vanessa an Traumschatz, 2004» oder «Fritzi und Leopold, 1901», «Elisabeth und Sebastian, 1940-1955» oder «Elf Freundinnen von Mario, 1977-2004».” © 5000liebesbriefe.ch

Die Liebesbriefe der letzten, österreichischen, Version kann man sich nun im Internet unter liebesbriefe.ausderzeit.net anhören: von handgeschriebenen Briefen über Faxen und Emails zu sms-Liebeserklärungen. Vielleicht wäre dieses Projekt auch für die Gruppe “Das Internet als Archiv und Speicher” interessant.

Das zweite Projekt - “Meine Grosseltern”, hat 2008 Premiere gefeiert und fand bereits in Bern, Zürich und Basel statt:

“Der Grossvater hörte immer sehr laut Radio, die Grossmutter sah ein bisschen aus wie eine Wurst; der andere Grossvater ist früh gestorben und bei der Grossmama hat es im Badezimmer immer so eigenartig gerochen… Erinnerungen an Grosseltern sind zunächst Kindheitserinnerungen an alte Menschen. Was aber wissen wir von früher, als die Grosseltern jung waren? Sie sind unsere persönlichste Verbindung in eine Vergangenheit, die wir nur aus Filmen und Büchern kennen, aber wie lebten und liebten die Grosseltern in jener Zeit? Und, was ist uns davon geblieben?
In seinem neuen Langzeitprojekt geht Mats Staub diesen Fragen nach, in dem er eine Generation von Enkelinnen und Enkeln zum Gespräch bittet. Meine Grosseltern wird 2008 als interaktive Recherche-Installation präsentiert, als Erinnerungsbüro, das nach den ersten Stationen in Bern, Zürich und Basel besucht werden konnte und dessen Fundus ständig wächst.” © erinnerungsbuero.net

Bei diesem Projekt geht es primär um die Erinnerungen - die Enkel werden zu ihren Grosseltern interviewt. Das Interview wird bearbeitet und auf einen iPod geladen und kann von den Besuchern der Installation angehört werden. Bislang haben gut 130 Enkel an dem Projekt teilgenommen. Eine der Voraussetzungen der Teilnahme war, dass die Enkel einen Gegenstand und/oder Fotos von ihren Grosseltern aus jungen Jahren zur Verfügung stellen.

Diese Gegenstände waren der Grund, warum ich mich für das Thema “Les Lieux de Mémoire” entschieden habe. Bei der Erklärung des Themas durch Herrn Haber habe ich verstanden, dass es sich dabei um “Gegenstände und Orte der Erinnerung” handelt. Die wörtliche Übersetzung lautet jedoch “Orte der Erinnerung”, was mich etwas verunsichert hat.
Ohne dazugehörige Texte zu lesen, bin ich auf die Google-Suche gegangen und auf folgende Begriffserklärung gestossen:

“A lieu de mémoire is any significant entity, whether material or non-material in nature, which by dint of human will or the work of time has become a symbolic element of the memorial heritage of any community (in this case, the French community)” (Nora 1996: XVII)

In other words, sites of memory are “where [cultural] memory crystallizes and secretes itself” (Nora 1989: 7). These include:
• places such as archives, museums, cathedrals, palaces, cemeteries, and memorials;
• concepts and practices such as commemorations, generations, mottos, and all rituals;
• objects such as inherited property, commemorative monuments {…}, manuals, emblems, basic texts, and symbols.” © link

Diese Erklärung hat mich wiederum ermutigt, das Projekt “Meine Grosseltern” als “Erinnerungsort” zu betrachten: nicht nur, weil die interviewten Enkelkindern sich an ihre Grosseltern erinnern und die Gegenstände, die sie an ihre Grosseltern erinnern, mitbringen. Sondern weil auch für die Besucher der Installation der Raum des Projektes zu einem Erinnerungsraum wird, wo beim Betrachten von den alten Fotografien, beim Zuhören der Erinnerungen der Anderen auch eigene Erinnerungen hochsteigen. Ein “Ort der Erinnerung” pur.

Meine beide Gruppenkollegen - Cyrill Lang und Raffael Neuhaus - haben sich “Meine Grosseltern” letzte Woche angeschaut bzw. angehört. Nun bin ich gespannt was sie davon halten!

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